Zum Frühstück einen Aquavit
Es gibt so Ecken in Berlin, da fühlt man sich bestens versorgt,
vielleicht sogar behütet. Nehmen wir die Westend-Klause am
Charlottenburger Steubenplatz. An der Fassade dieser legendären
Trinkstätte, die vor gut 75 Jahren eröffnet wurde, befindet sich ein
großes Emailleschild: "Aecht Patzenhofer". Gleich darunter sind zwei
Hinweise auf Arzt-Praxen angebracht. Ein Internist und eine
Psychotherapeutin machen so auf sich aufmerksam. Bier - Gesundheit -
Seele. Ein schöner Dreiklang ...
Westend. Das ist das etwas trutschige alte West-Berlin. Eine Gegend
mit der möglicherweise größten Herzschrittmacher-Dichte in
Mitteleuropa.
Hier heißt eine Boutique noch "Mode-Truhe". Die Herren tragen eine
Krawatte, wenn sie den Müll wegbringen, und dienstags und freitags
sieht man auf dem Wochenmarkt in der Preußenallee ältere Damen, die
allerliebste weiße Netz-Handschühchen tragen. All das finde ich ja so
was von very nice, dass ich von hier eigentlich nicht wegziehen
möchte: Hab ja auch zwei, drei Krawatten. Aber die trage ich natürlich
nicht in der Westend-Klause. Da geht es doch eher rustikal zu.
Dunkelbraune Eichenpaneele und helle Eichentische, dunkle Sitzbänke
und einfache Stühle für die durstige Klasse.
An den Wänden vergilbte Porträts von Künstlern und Stammgästen, auch
Karikaturen. Eine von "zelli" alias Hans Joachim Stenzel. Man sieht
zwei rammelnde Dackel an einem Baum. Das Werk der frühen Jahre heißt
"Vicki Baum". Hart an der Geschmacksgrenze. Die Schriftstellerin
Vicki Baum ("Menschen im Hotel") ist längst tot, Stenzel starb vor
wenigen Jahren. Aber die Dackel treiben es immer noch.
Die wahren Werte - hier haben sie Bestand. Und über allem wacht
Joachim Ringelnatz, der dichtende Seefahrer aus Sachsen (hieß
eigentlich Hans Bötticher). Das Konterfei von "Kuttel Daddeldu" hängt
über seinem Stammplatz. Da saß er oft mit seinem Hund "Frau
Lehmann" morgens um neun und begrüßte den Tag mit einem Aquavit. Wohnte
am nahen Sachsenplatz (heute Brixplatz) zusammen mit seiner Frau
Leonharda, die er "Muschelkalk" nannte. Seine Nachbarn (und
ebenfalls Klausen-Gänger): Max Schmeling, Anni Ondra, Tilla Durieux.
Heute ist die Westend-Klause ein Treffpunkt für jedermann: Künstler,
Makler, Anwälte, Politiker, Taxifahrer, Journalisten, Pensionäre - sie
alle genießen diese angenehme Unaufgeregtheit, die hier herrscht.
Gelegentlich schauen auch Prominente rein: der Bildhauer Ernst
Leonhard etwa, der schriftstellernde Allrounder Peter Auer, auch mal
die Köln-Fraktion um Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder. Die genie
ßen es, hier ungestört ein Bier zu zischen. Mit Auer und Balder habe
ich mal zusammen Fußball gespielt. Auer kam oft erst kurz nach dem
Anpfiff - und Balder, unser Torwart, holte sich mitten im Spiel ein
Würstchen. Wir haben nie gewonnen.
Einfach Waaaahnsinn: die Bedienung! Uschi und Dennis, die beiden
Inhaber der Westend-Klause, haben irgendwann beschlossen, nur
freundliche und attraktive Mädchen auf das Zech-Volk loszulassen.
Immer wenn ich da bin, bewundere ich diese Entscheidung.
Manchmal ruft mich die Klause schon am Sonnabend um 15.30 Uhr. Dann
auf zwei großen Leinwänden die Fußball-Bundesliga auf Premiere
gezeigt: Würde Ringelnatz noch leben, wäre er garantiert immer da. Er
schrieb ja sogar ein Gedicht über den Fußballwahn. Aber er verfasste
auch ein wunderschönes Liebesgedicht. Darin heißt es: "Ich würde dir
ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken..."
Westend-Klause, Reichsstraße 80 b am Steubenplatz in Charlottenburg,
täglich geöffnet von 9 Uhr (Frühstück) bis etwa 2 Uhr, sonntags
Frühstücksbuffet Telefon: 030/ 304 03 94
Quelle: Bernd Philipp, Berliner Morgenpost, 22.06.2003